Österreichische Konjunkturtheorie aus heutiger Sicht

In this book, published 2008 by the Grin Verlag I review the Austrian Business Cycle Theory and its critiques from a modern point of view.

Die Österreichische Konjunkturtheorie (ÖKT) kann auf eine lange und wechselreiche Geschichte zurückblicken. Die Geburtsstunde der Österreichischen Konjunkturtheorie ist das Erscheinen von Ludwig von Mises bedeutendem Werk „Die Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ im Jahre 1912.1 In den darauf folgenden Jahren erfreute sich die ÖKT zunehmender Akzeptanz und Verbreitung. So konnte Ludwig von Mises 1928 mit Genugtuung feststellen, dass die Zirkulationskredittheorie, wie er die ÖKT damals bezeichnete, nachdem sie 1912 „verlacht“ worden sei, „heute allgemein anerkannt“ werde.2 Zu dieser Entwicklung hat neben der theoretischen Konsistenz der ÖKT sicherlich auch beigetragen, dass die Österreicher3 unter den wenigen Ökonomen waren, die dank ihrer theoretischen Kenntnisse die Große Depression vorhergesagt hatten.4

Noch in der theoretischen Diskussion der 1930er Jahre, die von der Auseinandersetzung zwischen Keynes und Hayek geprägt war, standen die ÖKT und ihre Grundlagen im Mittelpunkt des ökonomischen Interesses.5 Im Verlaufe der Auseinandersetzung wendete sich jedoch das Blatt gegen Hayek und die Österreicher. Die Keynessche Theorie gewann die Oberhand. Für den Keynesschen Siegeszug erscheinen zwei Begründungen plausibel. Zum einen ist die ÖKT nicht einfach zu verstehen, bisweilen nicht intuitiv und scheinbar paradox.6 Sie baut auf einem komplexen Theoriefundament auf, u.a. einer umfassenden Kapitaltheorie. Keynes hingegen verfügte über keine Kapitaltheorie und verstand es, sich durch seine Unterkonsumptionstheorie intuitiv verständlich zu machen. Hayek bezeichnete Keynes zwar als großen Denker aber auch als einen schlecht ausgebildeten Ökonomen, der Rechtfertigungen für Politiken suchte, die er intuitiv als empfehlenswert empfand.7

Zum anderen wurde während der Großen Depression nicht die Geduld aufgebracht, auf die Selbstkorrekturmechanismen des Marktes zu vertrauen. Für die Politik war der Keynessche Interventionismus, der schnelle Lösungen und Aktionismus verspricht sowie die Staatsmacht ausweitet, angenehmer als die „Österreichische“ Empfehlung des Laissez-faire.8

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es ruhiger um die Österreichische Schule. Erst 1974 mit der Überreichung des Nobelpreises an Hayek begann eine Renaissance der Österreichischen Schule und damit auch der ÖKT. Die Bedeutung des Nobelpreises erhöhte sich dadurch, dass in der Nobelpreisbegründung besonders auf Hayeks konjunkturtheoretische Studien der 1920er und 1930er Jahre hingewiesen wurde.9 In den folgenden Jahren begann ein erstaunlicher Aufschwung der Österreichischen Schule, der sich 1982 mit der Gründung des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama, fortsetzte.10 Mittlerweile ist die Internetseite des Mises Institutes (http://www.mises.org) nach eigenen Angaben wahrscheinlich die meistbesuchte private Internetseite eines Ökonomieinstituts mit ca. 750.000 monatlichen Besuchern.11

Ungeachtet dieser Renaissance bleibt die ÖKT in Deutschland noch weitgehend unbekannt. So lassen sich in Lehrbüchern zur Konjunkturtheorie selten Einträge zur ÖKT finden, und falls sie vorhanden sind, wird sich ausschließlich auf Hayeks Beiträge konzentriert.12 Neben Hayek gibt es indes noch weitere Vertreter der ÖKT, wie Mises, Machlup, Strigl, den jungen Haberler und Rothbard. Zudem wurde und wird die ÖKT durch die jüngere Österreichische Schule, z.B. von Garrison, Huerta de Soto und Hülsmann, weiterentwickelt.13 Während die Lehrbücher noch hinterherhinken, haben Medien und Wissenschaft die ÖKT in jüngster Zeit wiederentdeckt. So gab es Artikel über die ÖKT u.a. im Barron´s, National Review und The Economist.14 Zudem zeigen „working papers“ von IMF und BIS, dass man sich auch außerhalb der Österreichischen Schule zunehmend mit der ÖKT beschäftigt.15

In dieser Arbeit wird dieser Entwicklung Rechnung getragen und erstmals eine aktuelle und detaillierte Darstellung der ÖKT in deutscher Sprache entwickelt. Obgleich es keine kanonische Version der ÖKT gibt,16 soll eine aus heutiger Sicht konsistente und von Österreichern allseits akzeptierte Version erarbeitet werden. Dies ermöglicht eine faire Kritik, was aufgrund fehlender Kenntnisse nicht immer eine Selbstverständlichkeit war. So wurde die ÖKT jüngst von herausragenden Ökonomen wie Tullock, Krugman und Samuelson in einer Weise kritisiert, die einen Mangel an detailliertem Wissen über die ÖKT manifestiert.17 Ferner soll die Frage beantwortet werden, inwieweit die ÖKT für die heutige Wissenschaft und Wirtschaft Relevanz besitzt. Da Konjunkturzyklen weiterhin die Volkswirtschaften plagen, erscheint es ratsam zu untersuchen, ob die ÖKT der heutigen Konjunktur- und Geldpolitik Ratschläge erteilen oder behilflich sein kann.

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut. Nach der Einleitung in Kapitel 1 werden die Vorgänger und das theoretische Fundament der ÖKT, ohne welches ein tiefgehendes Verständnis nicht möglich erscheint, im zweiten Kapitel vorgestellt. Dies gestattet dann im dritten Kapitel eine umfassende Darstellung der ÖKT, wie sie sich uns heute darbietet, wobei zunächst der Zyklus selbst und dann seine Folgen beschrieben werden. Zur weiteren Profilierung werden im vierten Kapitel vertiefende Ergänzungen angebracht. Im fünften Kapitel erfolgt eine Kritik der ÖKT, wodurch ihre Problemstellen beleuchtet und ihre Konturen weiter geschärft werden. In diesem Zusammenhang wird eine kleine Relativierung der ÖKT erarbeitet. Darauf folgt im sechsten Kapitel eine Einschätzung der heutigen Bedeutung der ÖKT. Dabei wird zunächst ein Vergleich von ÖKT und ausgewählten modernen Konjunkturtheorien unternommen und untersucht, wie diese sich ergänzen können. Des Weiteren wird überprüft, ob und wie die ÖKT konkret für die heutige Geld- und Konjunkturtheorie eine Hilfe sein kann. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick.